Rémy Zaugg, dessen Bilder für viele Menschen aussehen wie Schrifttafeln,
ist ein Maler klassischer Tradition. Sein Medium (aber auch sein Thema) ist
das Tafelbild, eine der alten und zentralen Gattungen der abendländischen
Kunstgeschichte. Zauggs Modernität oder Aktualität äußert sich nicht darin,
daß er, wie das andere Künstler immer wieder getan haben, die Grenzen
einer traditionellen Kunstgattung sprengt und die Verbindlichkeit der Gattung
bestreitet, sondern daß er das künstlerische Tun innerhalb dieser Gattung
einer grundsätzlichen und systematischen Analyse unterzieht, mit dem
Anspruch einer uneingeschränkten rationalen Durchdringung. Er zerlegt das
gemalte Tafelbild begrifflich in seine kleinsten Bestandteile und setzt es auf
einer begrifflichen Ebene wieder zusammen. Nur aus dieser Analyse heraus
hat sich unter seinen Händen eine neue Form des Tafelbildes entwickelt:
Gemalte Bilder, die in Texten sprechen.
Der moderne Anspruch, unter dem seine
Arbeit steht und der die Entwicklung
seines Tafelbildes bestimmt hat, lautet,
daß in heutiger Zeit, auf heutigem
Niveau historischen Bewußtseins ein
unreflektiertes künstlerisches Handeln -
ein Malen aus dem Bauche heraus -
nicht mehr zulässig ist. Jegliche
künstlerische Arbeit muß sich durch
eine schlüssige historische
Argumentation begründen.
Das Kunstwerk behauptet seinen Platz in der Gegenwart nur, wenn es sich
aus der Logik der historischen Entwicklung begründet Daß Rémy Zauggs
Tafelbilder heute so aussehen, wie sie aussehen, ergibt sich nach Rémy
Zauggs Argumentation aus einer Schritt für Schritt folgerichtigen
Entwicklung der abendländischen Malerei von Cézanne über den Kubismus
und Barnett Newman bis in die Gegenwart. Der Künstler Rémy Zaugg
beschränkt sich heute ganz auf die Rolle des Historikers und Theoretikers,
der die Definition liefert für Bilder, die von handwerklichen Spezialisten
ausgeführt werden. Die Form dieser Bilder ergibt sich nicht aus Inspiration
oder ekstatischem Erleben, sondern aus der Folgerichtigkeit historischen
Denkens.
Die Ausstellung in der Kunsthalle Nürnberg hat sich
Rémy Zauggs Analyse des Tafelbildes zum Thema
gestellt. Sie stellt erstmals eine Werkgruppe aus den
frühen siebziger Jahren vor, mit der der Künstler diese
Analyse in eine neue Qualität überführt hat, die seitdem
seine Arbeit und seine Entwicklung bestimmt. Hatte er in
den Anfangsjahren figurative Bilder gemalt - vorwiegend
Landschaften oder Interieurs - und versucht, Cézannes
flächenhafte und stoffliche Malerei nachzuvollziehen, so
begann er damals, eben diese Bilder monochrom zu
übermalen.
Er überzog ihre Oberfläche - jeweils eine motivische Malerei - mit einer
einheitlichen hellblauen Farbschicht.
Die Spuren der ursprünglichen Malerei blieben nur an den Rändern der
Leinwände sichtbar. In verschiedenen Serien schuf er unterschiedliche
Reflexionen über die elementaren Bestandteile des Tafelbildes, den
Bildträger und seine Bestandteile sowie die Malerei auf diesem Bildträger.
Die Ausstellung schlägt den Bogen bis zu einer Gruppe allerneuster Bilder,
ausgeführt in Siebdruck auf Aluminiumtafeln und in außergewöhnlich bunten
Farben und grellen Kontrasten.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Umfang von ca. 120 Seiten mit
einer Einleitung von Lucius Grisebach, einem ausführlichen Text von Rémy
Zaugg zum Thema des Tafelbildes und seiner Grundbegriffe, ca. 30 farbigen
Abbildungen einzelner Werke und aller Ausstellungsräume sowie einer
umfangreichen und neu erarbeiteten Chronologie aller Werke, Publikationen
und sonstigen Aktivitäten des Künstlers von Eva Schmidt. Verkaufspreis in
der Ausstellung ca. DM 39,- (Buchhandelsausgabe im Verlag für moderne
Kunst Nürnberg ca. DM 65,-).
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