Mit den Begriffen ‚Kind' und ‚Kindheit' verbinden sich vielfältige Assoziationen
von Unbeschwertheit und Ursprünglichkeit bis hin zu Hilflosigkeit und
Aggression. Kindheit evoziert Vorstellungen von utopischer Reinheit und
verlorenem Paradies und ebenso Erinnerungen an Verbote, Ängste und
Versagungen. Nicht zuletzt aufgrund dieser Ambivalenz erfährt die erste
Lebensphase des Menschen besondere Aufmerksamkeit.
Das Motiv des Kindes und der Kindheit als mythischer und utopischer Ort
dient als Feld der Selbstvergewisserung in der Kunst. Die Fragestellungen
sind grundsätzlicher Natur, zielen ab auf Weltschöpfung und -aneignung, auf
Erinnerung, auf Wahrnehmung, auf Fiktion und Realität.
Die Ausstellung "Vergiß den Ball und spiel' weiter - Das Bild des Kindes in
der zeitgenössischen Kunst" widmet sich den unterschiedlichen
künstlerischen Reflexionen zu Kind und Kindheit mit Werken von 15
internationalen Künstlerinnen und Künstlern: Martin Honert, Bethan Huws,
Mike Kelley, Rachel Khedoori, Martin Kippenberger, Annette Lemieux, Paul
McCarthy, Juan Munoz, Yoshitomo Nara, Julian Opie, Roman Signer, Mette
Tronvoll, Jeff Wall, Marijke van Warmerdam, Marcus Weber.
Annette Lemieux, "Coincidence" Edition of 3
In der Kindheit sind die Wurzeln des eigenen Selbst begründet. Auf der
Suche danach besinnt sich etwa Bethan Huws einer alten Tradition ihrer
Heimat Wales. Kleine Boote aus Schilfgras und zarte Aquarelle von
erinnerten Orten der Kindheit zeugen von einer Ursprünglichkeit und
Natürlichkeit, deren Verlust als Symptom eines verlorenen Urzustandes zu
lesen ist. Auch die Norwegerin Mette Tronvoll ist mit ihrer Kamera im Norden
Grönlands auf der Suche nach dem Paradiesischen. Wie stark Kindheit
durch den Blick des Betrachters (mit-) gestaltet wird, demonstrieren die
Arbeiten von Annette Lemieux. Die Künstlerin präsentiert ihre eigenen
Kinderbilder, die sie durch die Überhöhung als "Wunderkind" ironisch bricht.
Während hier bereits auf das im Kind verborgene Genie, auf Kreativität und
schöpferische Vorstellungskraft verwiesen wird, so trifft man in den Arbeiten
von Roman Signer auf den empirischen Forscher und dessen Spieltrieb.
Das Erproben physikalischer Grundregeln und das Aufstellen abstrakter
Theorien zielt auf die individuelle Erschließung der Welt. Neugier und
Experiment sind nicht ohne eine den Kindern eigene Selbstversunkenheit
und Konzentration denkbar. Marijke van Warmerdams Filme zeugen von
solchen Momenten eines ‚Ganz-bei-der-Sache-Seins', so wenn das
Kameraobjektiv ausschließlich und unverwandt die Bewegungen eines sich
räkelnden Bären beobachtet. Auch die schematischen Autos, Häuser und
Bäume in Julian Opies Installationen lassen sich als Möglichkeiten der
Welterschließung begreifen. Das auf sein Grundschema reduzierte Auto ist
weniger eine Rückkehr in eine frühkindliche Phase, als eine Suche nach
den Grundbedingungen von Wahrnehmung. Juan Muñoz nutzt in der Skulptur
"Georg" die Proportionsverschiebung und Fremdheit eines Kleinwüchsigen,
um Mechanismen der Wahrnehmungsverarbeitung und Normbildung
sichtbar zu machen. Zugleich offenbart die Konfrontation mit dem Fremden
eine durch Gesellschaft und Erziehung gezügelte Gier nach dem
Außergewöhnlichen und die heimliche Freude am Befremdlichen.
Julian Opie, You a driving along (in a Ford), 1996
Rachel Khedooris komplexe Film- und Rauminstallation greift eine frühe,
autobiographisch begründete Wahrnehmung heraus, um die komplexen
Mechanismen der Erinnerung zu befragen. Über die Verschachtelung von
rekonstruiertem, gefilmtem und wieder abgefilmtem Raum und durch das
Ineinandergreifen von Zeitebenen schafft sie eine Metapher der
Unfassbarkeit von Erinnerung. In Martin Honerts eigens für Nürnberg
entwickelter Arbeit sind subjektive Erfahrung und kollektives Gedächtnis
miteinander verschränkt. Bei Marcus Weber wird die Grenze zwischen der
Vorstellungskraft und real Erfahrenem übertreten. Mike Kelley lotet in seiner
Arbeit die Tiefen und Untiefen der menschlichen Psyche aus und legt durch
das Bild einer vermeintlich gut behüteten, unschuldigen kindlichen Welt, die
Abgründe emotionaler Abhängigkeiten, Machtverhältnisse und Mißbrauch
offen. Verzweiflung und Bosheit kleiner, nur scheinbar hilfloser Mädchen
offenbaren sich in Yoshitomo Naras Acrylgemälden. Martin Kippenbergers
Werk zeugt von einem Revoltieren gegen Konventionen und Begrenzungen
und ist außerdem von einer durch Ironie und Demontage gebrochenen
Selbstinszenierung geprägt. Für das existentielle Moment der eigenen
Bewußtwerdung stehen Paul McCarthys frühe Videoarbeiten mit ihrer
strengen Minimalisierung und Dramaturgie der Selbstrepräsentation. Den
Abschied aus einer kindlichen Welt bezeichnen die beiden
Heranwachsenden in Jeff Walls Cibachrome "The Drain", die sich neugierig
und verängstigt zugleich von dem eigenen Zuhause entfernen. Die Natur
dient hier als Metapher einer gerade erwachten, noch kaum bewußten und
unkontrollierten Sexualität.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit thematischen Essays im Oktagon
Verlag, Köln.
Marijke van Wamerdam: Beer (Bear), 1997
Die Ausstellung "Vergiß den Ball und spiel' weiter. Das Bild des Kindes in
der zeitgenössischen Kunst" ist Teil der Trilogie "Kind, Mutter, Vater". Das
Gesamtprojekt besteht aus einer Reihe von Tagungen und Ausstellungen,
die 1999 und 2000 in Nürnberg (Kind), Köln (Mutter) und Berlin (Vater)
stattfinden. Nürnberg ist auf vielfältige Weise mit den Themenbereichen
Spiel und Kindheit verknüpft: Spielzeugherstellung und -handel haben hier
eine alte Tradition.
Weitere Termine:
"Macht und Fürsorge - Das Bild der Mutter" (Ausstellung), Trinitatiskirche,
Köln, bis 16. Oktober 1999
"Das Bild des Vaters" (Tagung), Haus am Waldsee Berlin, 23. Oktober 1999
"Das Bild des Vaters" (Ausstellung), Haus am Waldsee Berlin, 11. Februar -
2. April 2000
< zurück zum Seitenbeginn
< zurück zur Jahresübersicht