Kennen wir uns?
29. Juni - 20. August 2000
Eröffnung: Mittwoch, 28. Juni 2000, 20 Uhr
mit Dr. Georg Leipold und Ellen Seifermann
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Identität konstituiert sich, so der Dramatiker Heiner Müller, aus dem Aufgeben von Identitäten und aus dem Immer-wieder-Herstellen von neuen Identitäten. Während bei Heiner Müller noch der Hintergrund des Theaters mitgedacht wird, ist die Konstruktion fiktiver Identitäten oder anonymer Stellvertreter im virtuellen Netz heute Realität. Wenn Identität Bewegung durch verschiedene Räume und das immer neue Herstellen eines Verhältnisses zum jeweiligen Raum ist, dann ist die Wirklichkeit die Bühne, auf der jedes Subjekt sich selbst entwirft und inszeniert. Ungewiss bleibt in der Realität wie im virtuellen Raum, wie weit sich die Identität des Einzelnen in der Rollenhaftigkeit seiner Existenz überhaupt noch abbildet. "Kennen wir uns?" Der Dialog beginnt, aber Gewissheit über die 'wahre' Identität des Anderen, mit dem wir kommunizieren, gibt es nicht.
Die Ausstellung "Kennen wir uns?" bildet eine Schnittstelle mit dem Großraumprojekt log.in netz | kunst | werk. Das Großraumprojekt thematisiert Netzkunst weniger als Frage der technischen Mittel, im Vordergrund steht vielmehr das Verhalten in sozialen oder kommunikativen Netzwerken und das Herstellen von Vernetzung oder Verortung. Voraussetzung dafür ist die Konstruktion, Projektion und Kommunikation von Identität, wie sie in den Arbeiten von Tony Brown, Kevin Clarke, Dunja Evers, Astrid Klein und Björn Melhus auf unterschiedliche Weise reflektiert wird.
In der Frage "Kennen wir uns?" klingt Erinnerung ebenso mit wie Erwartung, Neugier oder Befremden. Die Frage kann sowohl an einen Anderen als auch an uns selbst gerichtet sein. Oder sie kann Bezug nehmen auf die sich schnell verändernde gesellschaftliche Wirklichkeit. Neue Technologien, von der Genforschung bis hin zum virtuellen Raum des globalen elektronischen Kommunikationsnetzes, verändern die Lebenswirklichkeit und damit auch das individuelle Bewusstsein. Die zunehmende Auflösung sozialer Beziehungen, eine höhere Mobilität und Geschwindigkeit sowie das Internet als "Bühne, auf der fiktive Charak-tere, fiktive Identitäten, fiktive Körper und Geschlechter kreiert werden" (Tony Brown), lassen die Frage nach der eigenen Identität, nach dem Ich in der Welt, heute wieder aktuell werden.
Jedes Individuum bewegt sich in wechselnden Rollen durch unterschiedliche Räume und Lebensbereiche. Die neuesten Entwicklungen der Biogenetik, die Ortlosigkeit im unbegrenzten virtuellen Raum und die Parallelität von Echtzeit und virtueller Zeit stellen die Kontinuität unseres Raum-, Zeit- und Geschichtsbegriffes in Frage und damit auch den bisherigen Begriff von Identität. Das anthropozentrische Geschichtsmodell, in dem das Individuum einen festen Standort hat und die Welt sich von diesem Punkt aus modellhaft erschließen lässt, greift nicht mehr, wenn sich die Koordinaten Raum und Zeit verändern.
Künstlichkeit und kalte Mechanik scheinen in den raumgreifenden Installationen von Tony Brown zu dominieren. Seine Werke thematisieren den Einfluss von Technologie und Medienindustrie auf die Umwelt ebenso wie auf die persönliche oder sexuelle Identität. Eine weltumspannende Kommunikationstechnologie wie das Internet setzt gesellschaftliche und psychologische Ver-
änderungs-prozesse in Gang; beispielsweise durchqueren immer mehr Menschen
das komplexe Netz technologischer Schnittstellen, um (anonym) mit irgendeinem anderen menschlichen Wesen, womöglich auf der anderen Seite des Planeten, vir-tuellen Sex zu haben.
Tony Brown, Better Living Through Remote Access (1996) 
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Tony Browns Installation "Better Living Through Remote Access" (1996) handelt von einem kommerziell betriebenen
'Chat-Channel' für Erwachsene. Niemand weiß, mit wem er es zu tun hat und wo der Partner wohnt, man kennt lediglich seine E-Mail-Nummer. Diese Nummer läuft über einen Server, der sie verschlüsselt. Dadurch nimmt jeder Teilnehmer einen fiktiven Namen und damit eine fiktive Identität an. Im Moment des Wechsels von einer Nummer zu einem Namen fallen das schützende Verdecken und das gleichzeitige Entblößen zusammen, da der Name auf ein bestimmtes Geschlecht und sexuelle oder emotionelle Präferenzen schließen lässt, von 'Sexy Suzy' und 'Super Hard-On' bis zu 'Nipple Vampire'. Die Namen blinken automatisch auf dem Bildschirm in Realzeit auf, immer mehr Leute kommen hinzu, fast jede Sekunde schaltet sich jemand Neues ein...
Tony Brown, geb. 1952 in Petersborough (England) geboren,lebt in Paris, wo er an
der Ecole Nationale Supérieure des Beaux Arts unterrichtet.
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Kevin Clarke, Porträt von Peter von Seck (1999)
Die Fotografien von Kevin Clarke zeigen gerade nicht die sichtbare körperliche Erscheinung der porträtierten, im Titel stets ausdrücklich genannten Personen. Statt dessen kombiniert Clarke von ihm assoziativ nach persönlichen Gesichtspunkten aus-gewählte Bildmotive oder Symbole mit dem ge-netischen Fingerabdruck der Porträtierten - einer Formel aus dem Bereich der DNS-Entschlüs-selung. Diese wird entweder als Diagramm oder als permutierende Folge der Buchstaben A,C,G,T in die Fotografien integriert. Erst die im Labor untersuchte Blutprobe gibt zuverlässig Auskunft über die Unverwechselbarkeit des Individuums, die sichtbare Erscheinung kann sich verändern oder ist vielleicht sogar nur Projektion - die Eigene oder auch die des Gegenübers. Kevin Clarkes Porträtfotografien stellen die Frage nach dem Identitätsbegriffs zu einem Zeitpunkt, in dem identische Tomaten und geklonte Schafe bereits selbstverständlich gewor-den sind und in der Hu-man-Genetik längst weit darüber hinaus-gehende Möglichkeiten ausgelotet werden. Kevin Clarke, 1953 in New York geboren, hat seinen Abschluss an der Cooper Union School gemacht und lebt in New York.
Dunja Evers kleinformatige, handkolorierte Porträts lassen offen, ob es sich um das langsame Auftauchen oder Verschwinden des Individuums handelt, spürbar wird vor allem die im Medium der Fotografie gespeicherte Zeit. Unscharf, als kaum merkliche Farbverdichtung werden nach und nach die Konturen eines Gesichtsfeldes - Mund, Nase, Augen - erkennbar. Die individuellen Merkmale lösen sich auf, die Porträtierten sind nicht mehr zu identifizieren. Identität ist vielmehr ein rätselhafter meta-physischer Zustand, der sich unmerklich, aber kontinuierlich wandelt.
Die Porträts von Dunja Evers gehen auf selbst gedrehte Schmalfilme zurück. "All jene Veränderungen, denen das Gesicht innerhalb der kurzen Drehzeit unterworfen ist, schreiben sich schemenhaft der Fotografie ein. So bleibt nichts, wie es ist. Das Ich konstituiert sich stets aufs Neue; Identität wird zu einer nur temporär gültigen Konstruktion, die schon bald abgelöst wird." (Annette Tietenberg,
Dunja Evers, 1963 in Hamburg geboren, hat an der Akademie für Bildende Künste in Wien studiert und lebt in Düsseldorf
Björn Melhus, No Sunshine (1997)
In seinen Filmen und Videoarbeiten erzählt Björn Melhus mit ironisch-leichter Hand Geschichten, in denen sich die Suche der Hauptfiguren nach der eigenen Identität und nach einem Gegenüber mit den akkustischen und optischen Verführungen unserer medialen Wirklichkeit verbinden. Alle Figuren werden von Björn Melhus selbst verkörpert, so dass sich stets das vermeintliche Gegenüber als Spiegelbild der eigenen Person entpuppt, weshalb sich auch jede Kommunikation als verzerrtes Echo und endlose Wiederholung von Satz-fragmenten, Zitaten und Elementen des Musikclip erweist.
Die Videoarbeit "No Sun-shine" (1997) bildet hierfür ein technisch brilliantes Beispiel; der Soundtrack ist ein Sampling mit Fragmenten aus alten Songs der ehemaligen Kinderstars Stevie Wonder und Michael Jackson. "No Sunshine" spielt in dem synthetischen Mini-Kosmos einer Fantasy-Raum-kapsel. Hinter den kindlich naiven, an Spielfiguren erinnernden Zwillingen in der Kapsel öffnet sich ein Fenster, in dem ihre etwas älteren Abbilder sichtbar werden, die sich aus der Enge der Plastikwelt zu befreien scheinen und ihre Körperlichkeit entdecken. Doch nur die eine Hälfte genießt die Veränderung, die andere scheitert. Die Einheit zwischen Körper und Geist lässt sich nicht mehr herstellen, das Getrenntsein führt zur Vernichtung. Was bleibt, sind kindliche Träume in einer abgekapselten, künstlichen Welt - no sunshine.
Björn Melhus zweite Videoarbeit in der Ausstellung, "Silver City II" (1999), erinnert auf den ersten Blick an eine Science-Fiction-Produktion aus den Anfangstagen dieses Genres. Zwei nahezu identische Astronauten führen über Funkverbindung einen Dialog, der immer wieder einzuschlafen droht, dann aber doch fortgesetzt wird. Dem Zustand der beiden Raumfahrer zwischen Schlafen und Wachsein entspricht der sich wiederholende Versuch, über gemeinsame Erinnerungen zu sprechen und sie zugleich zu verdrängen. In den Stimmen der beiden schwingt ein Cowboy- und Westernmythos der 50er Jahre mit. Kein Wunder - die unterlegten Satz-fragmente sind schließlich der deutschen Synchronfassung des Wes-terns "Billy the Kid" (David Miller, 1941) entnommen.
1966 in Kirchheim/Teck geboren, hat an der Hochschule der Bildenden Künste Braunschweig studiert und lebt in Berlin.
Astrid Klein geht in fast allen Arbeiten von vorgefundenem Material aus, etwa Zeichnungen, Fotografien, Text- und Satzfragmente aus Büchern oder Zeitschriften, die sie bearbeitet, montiert und bruchlos in den von ihr vorgesehenen neuen Bildraum integriert. Der ursprüngliche Bedeutungszusammenhang der Bilder und Worte lässt sich nicht mehr rekonstruieren, die Realität der 'objets trouvés' löst sich auf mit der Einbindung in den neuen Sinnzusammenhang. Mögen Astrid Kleins ausschließlich schwarzweiße Arbeiten auch optisch eindeutig erscheinen, so sind sie doch äußerst verschwiegen. Sie ziehen den Betrachter in Bann, bieten sich als Projektions-flächen für mögliche Deutungen an und entziehen sich zugleich jeder eindeutigen Festlegung.
Astrid Klein, Der Blick (1999)
"Der Blick" (1999) ist eine Arbeit mit hoher Anziehungskraft. Die gesamte Bildfläche von über zwei Meter Breite wird von einer schmal angeschnittenen Augenpartie eingenommen, die direkt dem Blick des Betrachters begegnet. Woher kennen wir uns, möchte man fasziniert fragen. Das Bildmotiv ist kombiniert mit einer Textzeile: Das 'Vom-Anderen-gesehen-Werden' ist die Wahrheit des 'Den-Anderen-Sehens'. Der Prozess der Projektion und Rückprojektion findet hier unmittelbar zwischen Betrachter und Bild bereits statt, doch der Satz öffnet weitere Deutungsebenen, ohne eine abschließende Erklärung zu geben. Eine zweite Fotografie von Astrid Klein, "Große Schriftarbeit" (1974/1997) lässt assoziative Verknüpfungen zwar zu, doch führen die Stichworte 'rätselhafter Präsenz' und 'mémoire involontaire' (unwillkürliche Erinnerung) wieder zurück an den Anfang, zu der Suggestion des rätselhaften Blicks. Sich ein Bild vom Anderen zu machen scheint nicht möglich.
1951 in Köln geboren, lebt und arbeitet in Köln und Leipzig, wo sie an der Hochschule für Graphik und Buchkunst lehrt.
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