Vom 3.Februar bis 26.März 2000 zeigt die Kunsthalle Nürnberg die
Ausstellung Reality Bytes. Der medial vermittelte Blick mit zum Teil neu
geschaffenen Beiträgen von Olaf Breuning, Daniele Buetti, Cadence
Giersbach, Isabell Heimerdinger, Stephan Jung, Thomas Rentmeister und
Peter Zimmermann.
Die zunehmende Mediatisierung des Alltags durch Film, Fernsehen, Internet
oder Computer prägt Vorstellungen von der Wirklichkeit aus, die unser
Denken, Handeln und Wahrnehmen durchdringen. Die Vervielfachung und
Beschleunigung der Bilder durch die elektronischen Medien führt nicht nur
zu einer deutlich stärkeren Visualisierung der Kommunikation in allen
Lebensbereichen, sondern setzt auch das Sehen als sozialen und
kulturellen Prozess voraus. In diesen Wahrnehmungsprozess fließen die
durch die elektronischen Medien erzeugten Bilder von der Wirklichkeit als
ein kollektives Wissen um Markenlabels, Rollenklischees oder Popkultur
ebenso mit ein wie die flimmernde Bewegung der Pixel auf den
Bildschirmen.
Der medial vermittelte Blick auf die Welt beeinflusst die Wahrnehmung und
ist deshalb für die Produktion von Kunst, für die Erforschung wie für die
Imagination von Wirklichkeit, genauso wichtig wie für das Erkennen und
Verstehen von Kunst auf Seiten des Betrachters. Wenn bei der Übertragung
aus der medial vermittelten Wirklichkeit in den Kunstkontext Datenmengen
(Bytes) verloren gehen oder neu verschlüsselt werden, können wir die
zugrundeliegenden Codes verstehen und die Leerstellen mit eigenen
erinnerten Bildern schließen.
Isabell Heimerdinger (geb. 1963) portraitiert in ihrer neuen Videoarbeit zwei
Frauen, die Szenen aus dem Film "Der Untergang der Titanic” verfolgen. Der
Film selbst ist für uns nicht sichtbar, nur die Emotion und Spannung in den
Gesichtern und Posen der Zuschauerinnen, die zu Darstellerinnen werden
während wir ihnen zuschauen. Während in Isabell Heimerdingers Installation
der oszillierende Übergang zwischen dem durch die Medien vermittelten
Blick auf die Welt und der gelebten Realitätserfahrung verdoppelt wird, baut
der Schweizer Daniele Buetti (geb. 1956, lebt in Zürich) sanfte Brechungen
ein. Er inszeniert die Ikonen der Schönheit und des Glamours in farbigem
Licht, umgeben von Flitter, Folien, Leuchtkästen, Filmsequenzen und
eingestreuten kurzen Fragen oder Bemerkungen, die ebenso trivial wie
philosophisch sein können. Buettis Installationen lösen Emotionen aus,
stimmen romantisch und melancholisch zugleich, sind aufgeladen mit
unbestimmter Sehnsucht und verankert in der Realität einer nicht gerade
stabilen Kulisse.
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Olaf Breuning (geb. 1970 in Zürich) verknüpft in seinen Fotografien die
glatten, verführerischen Oberflächen der Werbung mit spirituellen oder
märchenhaften Elementen, auch bekannte Werke von Künstlerkollegen
werden imitiert und integriert. Seine Bilder verschränken die medial
vermittelte Wirklichkeit mit der subjektiven Erfahrung und sind Imaginations-
oder Projektionsflächen für die Vorstellungen und Erinnerungen unseres
eigenen visuellen Gedächtnisses. |
Auch die raumgreifende Malerei der in New York lebenden Cadence
Giersbach (geb. 1966), die zum ersten Mal in Europa gezeigt wird, spricht
unser kollektives Bildgedächtnis an. Die mittels Computer stark vergrößerte
und auf gepolsterte Plastikfolien übertragene Ansicht einer Gartenlandschaft
erinnert an einen Insektenbau oder die fremdartige Architektur in gewissen
Science Fiction Filmen und spielt damit auf den Gegensatz zwischen Natur
und Urbanität an.
Lichtreflexe und Spiegelungen verhindern, dass der Umriss der
hochglänzenden Skulptur von Thomas Rentmeister (geb. 1964, lebt in Köln)
auf einen Blick erfasst wird. Die verführerische Oberfläche, ihre Glätte und
die Auflösung des Blicks in den Spiegelungen verstärkt noch den Eindruck
von Dynamik, der bereits in der organischen und zugleich technoiden Form
der Skulptur angelegt ist.
Auch Stephan Jung (geb. 1964) und Peter Zimmermann (geb. 1956) setzen
sich in der Malerei mit den abstrakten Formen und den
optisch-physikalischen Phänomenen der medialen Oberflächen
auseinander. Peter Zimmermann setzt den Computer als Mittel der
Bilderfindung ein und befasst sich mit den unendlichen Möglichkeiten der
zufallsbedingten visuellen Erscheinungen. Stephan Jungs großformatige
Bildtafeln (Polygone) besitzen nicht nur eine enorme Strahlkraft, sie leiten
den Blick des Betrachters auch in alle Richtungen zugleich weiter. Die
Gleichwertigkeit aller Pixel auf den gläsernen Bildschirmoberflächen finden
in der Malerei von Stephan Jung und Peter Zimmermann eine adäquate
Entsprechung. Traditionelle Kriterien wie die Figur-Grund-Beziehung sind
außer Kraft gesetzt, die nicht mehr hierarchisch gegliederten Bildebenen
verlangen eine simultane Betrachtung.
Die Publikation zur Ausstellung erscheint Mitte März und wird im Rahmen eines
Werkstatt-Gesprächs mit einigen der Beteiligten vorgestellt.
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